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"Gesichtsyoga" – Wirkung und Verbindung zu Yoga.



In letzter Zeit, wahrscheinlich weil ich in meinen 50ern bin und dazu Yogalehrerin, bekomme ich immer wieder Werbung für "Face Yoga" - Kurse und Behandlungen. Ich möchte gleich klarstellen und werde damit vielleicht einige enttäuschen: So etwas wie „Gesichtsyoga“ gibt es nicht.

Es handelt sich dabei lediglich um eine Gesichtsmassage oder ein Training der Gesichtsmuskulatur, mit dem Ziel, die sichtbaren Zeichen des fortschreitenden Alters zu mildern. Dieses Training, so wird es zumindest versprochen, sei sehr effektiv, sowohl im Hinblick auf die Verbesserung des Aussehens der Gesichtshaut durch Entspannung als auch Straffung der Haut.

Aber Yoga ist das nicht.


Zwischen Anzeigen für sinnvolle Massagen und Übungen finden sich auch solche für kuriose Geräte und Werkzeuge.



"Gesichtsyoga" oder nicht, manche Übungen sind nicht verkehrt.


Aus einem Grund finde ich einige dieser Massagen und Übungen sinnvoll (wohl keine auf den obigen Bildern): Ganz einfach, weil sie die Gesichtsmuskeln stärken, die Haut und die Faszien sehr gut nähren und die Innervation und das Empfinden anregen. Aber vor allem - und das finde ich am interessantesten - weil sie sich positiv auf die Stimulierung der Gehirnfunktion auswirken.

Es ist nur schade, dass die Werbung genau das nicht hervorhebt. Ihrer Aussage nach müsste ich mich wahrscheinlich in einer dunklen Ecke verkriechen, denn ich bin 52 Jahre alt und verzweifle nicht an meinem Aussehen, sondern verstehe und akzeptiere altersbedingte Veränderungen als etwas Natürliches. Wie unverschämt von mir! Nicht nur die Werbung für "Gesichtsyoga", sondern auch die Hälfte der Botschaften, die mich im Internet erreichen, schlagen mir wie mit einer Bratpfanne ins Gesicht, wie das so schön bildhaft eine meiner Meisterinnen genannt hat, und schreien mich an: Tu etwas! Lass Dich operieren, spritze, sauge ab und wenn nicht, färbe, massiere, trainiere, klebe, klopfe! Und manchmal massiere ich mein Gesicht auch, aber vor allem, weil das eine zweite, viel wichtigere Wirkung hat.



Der Gesichtsausdruck ist die Botschaft


Die Gesichtsmuskeln haben eine sehr enge oder sogar direkte Verbindung zum Gehirn. Über den fünften Nerv, den Trigeminusnerv, mit dem wir das Gesicht fühlen, und den siebten Nerv, den Gesichtsnerv, mit dem wir die Gesichtsmuskeln bewegen, bilden wir unseren emotionalen Zustand und/oder Gemütszustand ab. Auf diese Weise kommunizieren wir unseren inneren Zustand mit der Umwelt. Wir haben mehr als einmal den Spruch gehört, dass „die Augen der Spiegel der Seele sind". - In Wirklichkeit ist dieser Spiegel unser ganzes Gesicht.



Dieser besondere soziale Mechanismus zeichnet die Menschen aus: Du musst nur an etwas denken, das eine bestimmte Emotion oder Stimmung in Dir auslöst, und diese kann automatisch in Deinen Augen und Deiner Mimik abgelesen werden. Auf diese Weise teilst Du Deiner Umgebung mit, wie du dich fühlst, ohne dies zu verbalisieren. Wenn Du zu einer bestimmten Denkweise neigst, z. B. zu zwanghaftem Grübeln oder mit großer Angst an alles Mögliche herangehst, oder auch gerne grinst, trägst Du Dein Gesicht wie eine Maske in einer gewissen - mal größeren, mal kleineren – muskulären Anspannung. Und jeder ständig wiederholte Bewegungsakt hinterlässt Spuren im Körper. Im Gesicht bedeutet dies die Bildung von Falten, aber nicht nur: Wenn du ständig unter dem Einfluss von Ängsten, stressbedingten Spannungen und hohen Erwartungen stehst, immer in ständiger Bereitschaft bist und somit deinen Sympathikus dauerhaft aktivierst, zeigt sich das auch in der Funktion deiner inneren Organe und in deiner Körperhaltung.


Eine Gesichtsmassage oder ein Training der Gesichtsmuskeln wirken sich somit positiv auf viel mehr aus, als nur auf die Faltenglättung: Indem Du die Muskeln, die unter dem Einfluss bestimmter Emotionen bisher nur in eine Richtung gedehnt oder angespannt waren, entspannst und dehnst, und die anderen Muskeln, die bis jetzt in deinem Gesicht kaum zu tun hatten, kräftigst, beeinflusst Du gewissermaßen Deinen Geist. Aus einem einseitigen zynischen Grinsen wird ein zauberhaftes symmetrisches Lächeln, aus vor Sorgen oder Wut zusammengezogenen Augenbrauen - eine offene strahlende Stirn. Und das fühlst du auch auf der geistigen Ebene. Eine schöne Rückkopplung!



Nach welchem Prinzip soll das funktionieren?


Die beiden oben erwähnten Nerven stehen im Zusammenhang mit der Arbeit des zehnten Nervs, des größten Nerv des Parasympathikus, des Vagus.


Verlauf des Vagus Nerves vom Hirn über alle Organe,
Der Vagusnerv ist eine regulierende Schaltstelle zwischen dem Gehirn und den Organen. (Bildquelle kenhub)

Er funktioniert wie eine regulierende Schaltstelle zwischen dem Gehirn und fast allen inneren Organen und hat einen dämpfenden und ausgleichenden Einfluss auf verschiedene Körperfunktionen, er beeinflusst auch unser Befinden. So wird die Entspannung der Gesichtsmuskeln auch das Herz beruhigen, die Erweiterung der Bronchien beeinflussen, die Verdauung und den Fluss der physiologischen Flüssigkeiten verbessern.







Genauso funktioniert das auch bei der Yogapraxis.

Während des Praktizierens von Yoga kommst Du permanent mit der Stimulation des Parasympathikus in Berührung. Tatsächlich ist diese Stimulation eine der wichtigsten Wirkungen des Yoga auf unser System. Neben den Atemübungen (Pranayama), die hier entscheidend und sehr effektiv sind, ist auch Dein Gesichtsausdruck von großer Bedeutung. Sicherlich hast Du mehr als einmal gehört, wie Deine Lehrerin oder Dein Lehrer darum bat, die Kiefermuskeln zu entspannen, die Stirn zu glätten, weich zu atmen und zu lächeln - besonders wenn Du gerade mit Deinem Körper kämpfst. Und wahrscheinlich hast Du oft gedacht: Wie soll ich jetzt bitte lächeln?!

Es geht nicht darum, dem Lehrer zu gefallen und ein freundliches Gesicht zu mimen, wenn man auf der Matte "kämpft", sondern darum, die Praxis der Asanas nicht mit Kämpfen zu verbinden, sodass sie im Körper und im Gehirn nicht als etwas Unangenehmes gespeichert wird.


Wenn Du Dein Gesicht in der Asana verzerren musst, und Dein Atem unruhig wird, weil Du es sonst nicht aushalten kannst, bist Du zu weit gegangen. Yoga ist kein Kampf und keine modische Challenge, weder mit Dir selbst noch mit anderen. Yoga ist ein Weg, um das Gleichgewicht auf drei Ebenen zu schaffen: zwischen Deinem Körper, Deinem Atem und Deinem Geist, zwischen Dir und Deiner Umgebung, zwischen Dir und dem Großen und Ganzen.


Klar, unser Körper hat Grenzen und sie können sich unangenehm, ja schmerzhaft anfühlen. In der Asanapraxis unterscheide ich allerdings zwischen zwei davon: Die erste Grenze heißt "Aha, hier ist etwas, interessant", die zweite "Aua, das tut weh".

Diese zweite Grenze interessiert uns gar nicht. Bleibe mit freundlichem Interesse im Bereich der ersten Grenze, spüre sie und weite sie dann behutsam, Schritt für Schritt - mit einem sanften Lächeln! - ruhig atmend. Das ist es, unter anderem, was Yoga von Akrobatik und anderem Training unterscheidet. Deshalb ist Yoga (vorausgesetzt, der Kurs wird von einer kompetenten Person geleitet) so wirksam, um unseren Körper von Verspannungen, Stress und Müdigkeit zu befreien (auch wenn die Ursache unserer Schmerzen viel tiefer liegen kann!).


Denn durch die Nähe der Gesichtsmuskeln und ihrer Nerven zum Gehirn wird durch zusammengepresste Kiefergelenke und Lippen sowie eine zusammengezogene Stirn ein Stresssignal gesendet. Immer wieder. Wenn Du Dir einredest, dass Du eine bestimmte Asana "nicht magst", irgendwann wirst Du feststellen, dass Du entweder einen Rückschritt machst, in einer Stagnation verharrst oder zum Ausgangspunkt zurückkehrst.

Dein Lächeln dagegen sorgt dafür, dass die Stresshormone Adrenalin und Cortisol verlangsamt ausgeschüttet werden. So sind unser Organismus und unsere Psyche ausgeglichener und ruhiger – und wir kommen entspannter nicht nur durch die Yogapraxis, sondern auch durch den Alltag. Und noch ein Vorteil: Lächeln wird in jeder Sprache verstanden.


Fazit: Beim Lächeln werden 17 Muskeln im Gesicht benötigt. Das Lächeln - sogar ein unechtes - strafft nicht nur das Gesicht, sondern lässt uns strahlender aussehen und glücklicher fühlen.


Ich beende gerne meinen Yogaunterricht mit einer Konzentrationsübung, bei der ich am Schluss darum bitte, die Mundwinkel sanft anzuheben, ganz mechanisch, und dann wahrzunehmen, ob und was diese Bewegung verändert. Versuche es. Dann lächle ganz bewusst, Dir selber, Deinem Körper, Deinem Atem, Deinem Geist, lächle Dir zu. Ich persönlich nehme dabei immer wahr, wie mir das hilft noch mehr loszulassen, leichter und offener zu werden.

Versuche es und schreibe mir, was Du beobachtet hast.


Grazyna Kania, Your Yoga Trainer, Baddha Konasana, lächelnd.
Lächel Dir zu! (Foto: M. Stein)

PS. Es gibt zwei weitere spezielle Gesichtsmassage-Methoden, die ich hier nur kurz erwähnen möchte, da dies sonst den Rahmen eines Blogeintrags sprengen würde und auch nicht zu meinem Kompetenzbereich gehört: die Gesichtszonenmassage und die Akupressur, also Massage der Akupunkturpunkte. Der Methode der Gesichtszonenmassage nach hat jedes wichtige Organ in unserem Gesicht seinen eigenen Bereich. Eine entsprechend durchgeführte Massage dieses Bereichs kann die Funktion des betreffenden Organs stimulieren. (Es ist allerdings nicht wissenschaftlich belegt.)

Was Akupressur anbetrifft: In dem Buch "Soforthilfe mit Akupressur: für Schulärzte, Lehrer, Schüler und Laienhelfer" von Hermine Tenk, das mittlerweile zu meiner Reiseapotheke gehört, werden unter anderem einige sehr praktische und effektive Akupressurpunkte und deren Massage im Gesicht u.a. gegen Migräne, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche sehr zugänglich vorgestellt.


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