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MANIFEST EINER WÜTENDEN YOGINI


„Du kannst dich auch ausziehen, mich stört es nicht“... sagte neulich ein populärer Berliner Yogalehrer zu mir, als ich ihn bat, sein T-Shirt wieder anzuziehen.


Ja, es ist wahr. Es gibt immer noch Männer, die sich während der Yoga-Praxis unter dem Vorwand der Hitze (oder auch ohne) ihre T-Shirts ausziehen und nicht verstehen wollen, dass sich irgendwelche Frauen dabei unwohl fühlen können. Meistens sind es die jungen, gut gebauten Typen, die mit ihrer akrobatischen Praxis stolzieren und sich für besonders fortgeschritten halten. Sexualität spielt dabei keine Rolle.


Diese Männer kapieren immer noch nicht, dass sie mit ihrem Verhalten ihre dominante Rolle in der Gesellschaft untermauern. Denn auch wenn eine Frau ihr BH und/oder Shirt ausziehen wollen würde, wird sie es nicht tun. Das liegt daran, meine lieben Herren, dass die Brüste von Frauen immer noch sexualisiert, bewertet und verglichen werden.

Sie zur Schau zu stellen, ist nach wie vor mit Beschämung und sogar Strafe verbunden. Jede Frau lebt mit der Last, dass ihre Brüste ein sexueller Anreiz für Männer sind – von Kind auf. Manche Frauen sind sich dessen später bewusst, manche früher.

Ich kenne aber keine, die sich freiwillig in einem Yogastudio entblößt hätte, nur weil ihr heiß ist. Ich kenne auch sehr wenige, die ihre Stimme gegen die Entblößung der Männer offen erheben; viele nehmen es schweigend hin, obwohl sie darunter leiden. Wenn sie gefragt wären, würden sie es vielleicht zugeben.


Es fragt aber keiner.


Ein Mann in Yogapose mit dem Balken über die Brustwarzen
Ein halbnackter Mann in Yogapose

Nun ja, dass dieser Mangel an Bewusstsein und Achtsamkeit einem Schüler passiert, kann ich verstehen. Nicht jeder, der sich doppelt verbrezelt, ist ein Yogi. Denn dazu gehört das Befolgen des achtgliedrigen Pfades, Ashtanga, und darunter Ahimsa, das Gebot des Nicht-Verletzens. Ich kann noch verstehen, dass einige junge Männer Yoga mit esoterisch angehauchter Akrobatik verwechseln und sich herzlich wenig für das Wohlbefinden der anderen um sie herum sorgen. Die meisten dabei sind wohl bemerkt eher harmlos und lassen sich belehren. Manche bedanken sich sogar dafür, dass ihnen die Augen geöffnet wurden.


Aber wenn ein in der Berliner Yoga-Szene populärer Lehrer das macht – und zwar mit Vorsatz als Demonstration, weil eine Frau in ihren 50ern einen Schüler direkt neben ihrer Matte gebeten hat, sich wieder zu bekleiden (was er übrigens sofort verstand und auch tat) – und dazu noch sagt: „Du kannst dich auch ausziehen, mich stört es nicht“, – dann verstehe ich die Yoga-Welt nicht mehr. Ein Unterricht, in dem das Unwohlsein einer Schülerin oder eines Schülers ignoriert wird, ihre/seine Bitte infrage gestellt oder derart arrogant abgeblitzt wird, ist kein Yoga. Lehrer wie diese können sich gerne Asana-Choreographen oder Asana-Akrobaten nennen, aber Yoga-Lehrer, die wissen, was Achtsamkeit ist und alle acht Glieder des Ashtanga Yoga bewusst befolgen, sind sie nicht.


Natürlich ist es möglich, einen Handstand-Oben-ohne-Workshop zu organisieren. (Wie viele Frauen würden sich dafür anmelden, ist andere Frage.) Es gibt auch Orte, an denen man komplett nackt praktizieren kann und ich bin ziemlich sicher, dass diese Kurse vorwiegend von gut gebauten jungen Männern besucht werden. Wenn aber solche Informationen jedoch nicht kommuniziert werden und sich auch nur eine Person im Raum unwohl dabei fühlt, wenn sich jemand mit nacktem Oberkörper exponiert, dann sollte das ausreichen. Solche Einwände zu ignorieren, ist eine Form von Gewalt – in diesem Fall misogyner Gewalt.


Es ist auch erstaunlich, dass dieser Lehrer so wenig Achtung vor Frauen zeigt, obwohl seine Schülerschaft überwiegend aus (jungen) Frauen besteht, von deren Teilnahme er also finanziell profitiert.


Noch einen Aspekt möchte ich ansprechen: das Ausbleiben einer Aktion der anwesenden Teilnehmer. Dieses Verhalten in einer Situation wie dieser ist ebenfalls Gewalt. Auch das gehört zur Ahimsa-Praxis: zu begreifen, dass nicht nur das Ausüben von Gewalt, sondern auch das Nicht-Agieren, während Gewalt angetan wird, verletzen kann.

Ich hatte den Eindruck, dass die einzige Irritation im Raum die Unterbrechung des Unterrichts war, die durch einen Wortwechsel zwischen dem Lehrer und einer Teilnehmerin verursacht wurde, und dass alle anderen, darunter 70% Frauen, nur darauf warteten, dass der Handstand-Workshop weiterging. Es überrascht mich allerdings nicht, dass es an Bewusstsein mangelte: Wenn der Schwerpunkt des Kurses auf Akrobatik liegt und das Wort "Yoga" lediglich als attraktiver Werbeslogan fungiert, kann man wohl kaum von einem Bewusstseinstransfer vom Lehrer auf die Schüler sprechen. Im Gegenteil: Der Lehrer selbst zeigt sehr direkt, wie wenig er davon versteht.

 

Ich bin selbst Yogalehrerin und habe einiges erlebt: Ich bin für Frauen- und LGBTQ+ Rechte auf die Straße gegangen, habe mit Yoga- und sogar Fitnessstudio-Betreibern gesprochen und einiges zu diesem Thema noch lange vor "MeToo" bewirkt. Ich dachte, die Zeiten, in denen ich allein vor einem Mann stand, der Gewalt gegen mich ausübte, und die anderen nur zusahen, seien vorbei. Es fällt mir schwer zu glauben, dass sich trotz der schönen Slogans "You will never walk alone" auf Demonstrationen nicht viel geändert hat, besonders in der Yoga-Szene.

 

 

Yoga bedeutet mehr als Akrobatik; es fordert Respekt, Mitgefühl und das Einhalten von Ahimsa, dem Gebot des Nicht-Verletzens. Wir müssen uns daran erinnern, dass jede Praxis, die andere verletzt oder unwohl fühlen lässt, vom Ursprung des Yoga entfernt ist. Lasst uns gemeinsam für eine respektvolle und achtsame Yoga-Gemeinschaft eintreten, in der jeder sicher und wertgeschätzt ist.


1 comentário


R. v.B.
R. v.B.
09 de jul.

Danke für den Beitrag! Wir Männer hängen noch viel zu sehr in der Sozialisation unserer Kindheit/Jugend fest (bei mir 80er). Die Welt hat sich zum Glück geändert bzw. ist (dank solcher klaren Hinweise) dabei sich zu ändern.

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